Agnieszka Brugger agnieszka-brugger.de

Energie, Umwelt & Verkehr

"Das grenzenlose Restrisiko"

Deutschland sollte andere Staaten dabei unterstützen, aus der Atomenergie auszusteigen, meint die Leserin und Grünen-Politikerin Agnieszka Malczak.

Kein Thema hat in den letzten Wochen die öffentliche Debatte und Medienberichterstattung so beherrscht wie die Diskussion um den Atomausstieg nach der Nuklearkatastrophe in Fukushima. ZEIT ONLINE veröffentlicht täglich Beiträge, Analysen und Kommentare zu den verschiedensten Aspekten dieser Diskussion. Was allerdings häufig zu kurz kommt, ist die internationale Reichweite der Herausforderung, vor der wir stehen. Zu kühn, zu visionär, zu fernab der realpolitischen Möglichkeiten scheint die Forderung nach einem weltweiten Ausstieg aus der Atomenergie. Kaum jemand beschäftigt sich auf internationaler Ebene mit dieser Frage. Wieso also überhaupt das Bemühen, die Diskussion darüber anzustoßen? 

Die Antwort fällt ebenso schlicht wie eindeutig aus: Wenn wir in Deutschland aus der Atomenergie aussteigen, weil wir ernsthaft davon überzeugt sind, dass mit ihr unkalkulierbare Risiken für Mensch und Umwelt verbunden sind, dann müssen wir auch international mit aller Kraft für den Atomausstieg werben. Denn die Gefahren, die von der zivilen Nutzung der Nuklearenergie ausgehen, machen an Grenzen nicht Halt, sie respektieren nicht das Territorialprinzip nationaler Gesetzgebung. Drastisch ausgedrückt spielt es bei den Auswirkungen eines Unfalls in einem französischen Kernreaktor im Elsass keine Rolle, ob die Nutzung der Atomenergie östlich des Rheins gesetzlich verboten ist. Katastrophale Unfälle wie jüngst in Fukushima können aufgrund des sogenannten Restrisikos nirgendwo auf der Welt ausgeschlossen werden und auch die Frage der Endlagerung des strahlenden Atommülls ist in keinem Land adäquat gelöst.

Neben der gesundheitlichen und ökologischen Gefährdung, die von der zivilen Nutzung der Atomkraft ausgeht, bestehen außerdem massive sicherheitspolitische Risiken. Diesen Risiken wird zumindest in der deutschen Debatte noch viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Die auf ZEIT ONLINE diskutierten Beiträge von Helmut Schmidt und dessen gemeinsame Erklärung mit Richard von Weizsäcker, Egon Bahr und Hans-Dietrich Genscher bilden eine verdienstvolle Ausnahme. Denn mit der zunehmenden Ausbreitung der zivilen Nutzung erwerben immer mehr Staaten die Fähigkeit, auch militärische Nuklearprogramme zu unterhalten. Gerade das Beispiel Iran zeigt, wie gefährlich der fließende Übergang zwischen ziviler und militärischer Nutzung von Atomenergie ist. Hinzu kommt, dass Tonnen von atomarem Material an völlig ungesicherten Orten lagern und so leicht in die falschen Hände geraten können, seien es die von Terroristen oder Kriminellen.

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